Befreit die Kinder vom Stress

Das Wohl und die Zukunft unserer Kinder stehen auf dem Spiel,
weil sie von den ersten Lebensjahren an
unablässig unter Stress stehen.
Archibald Hart (in: Wer zu viel hat, kommt zu kurz

Es ist ein düsteres Bild, das Archibald Hart in seinen Büchern und Seminaren malt: Depression ist heute eine Epidemie geworden – auch unter den Jugendlichen. Und wenn wir so weiterfahren, werden in Zukunft praktisch alle Teenager von Depressionen betroffen sein.

In seinem Buch Wer zu viel hat, kommt zu kurz widmet der Psychologe und Hirnforscher Archibald Hart den Herausforderungen, in denen Kinder (und ihre Eltern) heute stecken, ein ganzes Kapitel. Der Autor mahnt dort gleich zu Beginn:

„Unsere Kinder sind heute in grosser Gefahr, aber nur wenige sehen das. Von Vorschulkindern bis Teenagern ist eine ganze Generation auf dem Weg in ein Leben ohne Freude, aber kaum jemand nimmt Notiz davon, ja Eltern, Medien und unsere ganze Kultur treiben die Kinder noch weiter an auf diesem Weg.“

Hilft es, wenn ich noch erwähne, dass der Autor aus den USA stammt? „Aha, kann sein, dass es dort so ist. Aber bei uns doch nicht!“ Tatsächlich sind die vielen alarmierenden Studien, die im Buch zitiert werden, vor dem amerikanischen Hintergrund zu lesen. Doch wir tun uns und vor allem unseren Kindern ganz bestimmt einen Bärendienst, wenn wir die mahnende Stimme nicht ernstnehmen und mit dem Argument abtun, bei uns sei das mit dem Stress bei den Kindern nicht halb so schlimm.

Aus den Studien und Ausführungen von Archibald Hart lassen sich nämlich sehr wohl Parallelen zum deutschsprachigen Raum herstellen. Die Liste der Herausforderungen und Gefährdungen der Kinder ist lang:

  • Die Multitasking-Generation beschäftigt sich zwar nicht unbedingt länger mit elektronischen Medien als die Kinder vor ihnen, doch heute ist diese Zeit von Parallelkonsum geprägt: Alle „i-Geräte“ auf einmal benutzen und dabei noch die Hausaufgaben machen…
    Gewiss bringen die Multitasking-Fähigkeiten der Jugendlichen auch einige positive Fertigkeiten mit sich. Doch über allem gesehen, muss Multitasking und der hohe Medienkonsum sehr kritisch betrachtet werden. Ein Psychiater sagt es treffend: „Die Frage ist nicht so sehr: Was tue ich meinem Gehirn an mit all den Videospielen?, sondern: Was tue ich meinem Leben an mit all den Dingen, zu denen ich nicht mehr komme?“
  • Ungezähmtes Konsumverhalten: Unsere Gesellschaft, nicht nur unsere Kinder, sind von der Idee gefangen, alles sofort haben zu können, was wir gerade wollen. „Freude, die sofort kommt, ist auch sofort wieder weg“, schreibt Archibald Hart dazu.
  • Überforderung mit Langeweile: Wir sind heute nicht mehr fähig, eine gewisse Zeit lang nichts zu tun. Und weil diese Langeweile gerade für Jugendliche furchtbar ist, suchen sie andauern nach Ablenkung, Action und schlussendlich Reizüberflutung.
  • Das Problem mit den ehrgeizigen Eltern: Der an und für sich ehrbare Wunsch, dass es unseren Kindern gut geht, trägt so manche ungeniessbare Frucht! Von Überbehütung durch ständige Kontrolle zu Überforderung durch überhöhte Erwartungen bis hin zu Überstimulation durch Frühförderung und Freizeitstressprogramm.

Den Ausführung von Archibald Hart fehlt es nicht an Dringlichkeit. Zusammen mit ihm ruf ich uns als Eltern zu: Nehmen wir uns Zeit für unsere Kinder, befreien wir sie vom Stress! „Kinder, deren Tag lückenlos verplant ist, können nicht mehr träumen, sich nicht mehr ihrer Fantasie hingeben, nicht mehr ihre eigene kleine Welt gestalten.“ Die Folgen davon sind erschreckend.

 

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Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Liebe“.

Mit Wurzeln und Flügeln

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.
J. W. von Goethe

Das Konzept von Wurzeln und Flügeln ist mir in den letzten Wochen ein treuer Begleiter geworden. Einerseits betone ich fast bei jeder Gelegenheit (Seminare für Paare, Gespräche) wie wichtig es ist, dass wir als Eltern unseren Kindern beides geben: Wurzeln und Flügel. Anderseits bin ich als Referent Teil der spannenden Kampagne „Mit Wurzeln und Flügeln“ der EMK Zofingen. Woche für Woche darf ich dort Menschen dazu motivieren, in ihrer persönlichen Spiritualität starke Wurzeln und kräftige Flügel zu entwickeln.

Nicht nur unsere Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Wir selbst brauchen auch beides. Und gerade wer ein waches, aktives Glaubensleben pflegen will, ist gut beraten, sowohl auf seine Wurzeln als auch auf seine Flügel zu achten.

Wurzeln sagen uns, wo wir hingehören

Meine Gedanken zu Wurzeln und Flügeln wurden von verschiedenen Seiten inspiriert. Fasziniert haben mich in besonderem Mass die Ausführungen dazu von Richard Rohr in seinem kleinen Büchlein Vom wilden Mann zum weisen Mann. Darin schreibt er:

Die Mutterliebe verwurzelt uns in der Seele,
in uns selbst und im Körper,
die Vaterliebe gestattet uns,
mit all den wunderbaren Wurzeln etwas Gutes anzufangen.
Sie bringt uns das Fliegen bei.

Die Wurzeln betreffen unser Sein. Sie geben uns Geborgenheit und erinnern uns daran, dass es einen Ort gibt, wo ich Annahme und Liebe erfahre, bevor ich überhaupt etwas geleistet habe. Diese Mutterenergie brauchen unsere Kinder, aber auch wir selbst, um Stabilität (Standhaftigkeit) im Leben zu entwickeln.

Genau dies wird uns vom Schöpfergott angeboten: Das kommende Osterfest erinnert uns daran, dass Gott dem Menschen Frieden anbietet. Frieden mit unserem Schöpfer, Frieden mit unseren Mitmenschen, aber auch Frieden mit uns selbst. Da geht es um Schalom, um Ganzsein, um Wurzeln, die uns „festen Boden“, Geborgenheit und Sicherheit geben.

Flügel sagen uns, dass uns etwas zugetraut wird

So wichtig starke Wurzeln sind, nur Wurzeln wären mir zu wenig – für meine Kinder, aber auch ganz besonders für meinen Glauben. Während die Mutterenergie unserem Sein durch Liebe und Geborgenheit Wurzeln wachsen lässt, bringt uns die Vaterenergie zum Fliegen. Flügel stehen also für Bewegung.

Die Vaterenergie traut mir etwas zu, lässt in mir den Glauben wachsen, dass ich zu etwas fähig bin. Auf die Spiritualität bezogen heisst das: Diese Jesusenergie sendet mich aus und bringt mich in Bewegung. Glaube ist nicht einfach etwas Passives, es geht um mehr als Seelenfrieden (Sein; Wurzeln). Der Christusglaube ist etwas höchst Aktives: Mir wird zugetraut, mich der weltweiten Mission anzuschliessen und aus dieser Welt einen Ort zu machen, in dem etwas mehr von diesem Schalom erfahrbar wird (Bewegung; Flügel).

Ich vermute, dass uns die Vaterenergie vielerorts abhanden gekommen ist: Unsere Gesellschaft leidet darunter, dass in vielen Familien die Väter nicht präsent – also nicht nur anwesend, sondern prägend – sind. Und ich wage zu behaupten, dass unsere Kirchen darunter leiden, dass die Balance zwischen Wurzeln und Flügeln oft nicht vorhanden ist: Entweder werden den Gläubigen die Flügel gestutzt und nur noch das Sein betont oder die Wurzeln werden abgehackt und der Glaube ist nur noch Bewegung (Aktivismus).

Wir brauchen beides: Wurzeln und Flügel!

 

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Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Spiritualität“.

Starke und mutige Kinder

Ihr Väter, seid mit euren Kindern nicht übermäßig streng,
denn damit erreicht ihr nur, dass sie mutlos werden.

Paulus (in der Bibel, Kolosserbrief 3,21)

Eines meiner grossen Lebensziele ist es, dass meine Kinder zu starken und mutigen Persönlichkeiten heranwachsen. Doch wie lässt sich dies erreichen? Liegt das überhaupt in den Händen der Eltern? Wahrscheinlich ist es in erster Linie eine Hoffnung und erst danach ein Ziel. Will heissen: Mir ist bewusst, dass nicht nur meine Erziehung darüber entscheidet, ob meine Kinder stark und mutig werden. Nicht nur; aber mein Erziehungsstil wird bestimmt Spuren hinterlassen.

Die Frage ist also: Welche Spuren möchten wir bei unseren Kindern hinterlassen? Mich hat vor einiger Zeit das obige Zitat inspiriert. Nun ist es ja so, dass die Bibel nicht unbedingt als Befürworterin eines modernen, partnerschaftlichen Erziehungsstils bekannt ist. Vielleicht ist das zu Unrecht so: Auf jeden Fall mahnt der zitierte Ausspruch von Paulus uns eindrücklich: Zuviel Strenge führt zu mutlosen Kindern. Also zum Gegenteil von dem, was ich mir für meine Kinder wünsche: starke und mutige Persönlichkeiten.

Auch heute können wir beobachten, was Paulus da meinte: Kinder, die einen allzu strengen Erziehungsstil „geniessen“, entwickeln sich zu ängstlichen, eingeschüchterten und mutlosen Kindern. Wie ich feststelle, gibt es ein zusätzliches Problem: Wenn die Eltern übermässig streng, aber wenig konsequent sind, werden die Kinder dazu auch noch orientierungslos. Einmal ist es erlaubt, barfuss auf dem Spielplatz zu spielen. Stunden später werden sie beim selben Verhalten lautstark zurückgepfiffen. Wie soll ein Kind da noch wissen, was jetzt zählt?

Wenn ich solche mutlose, eingeschüchterte Kinder sehe, stimmt mich das richtig traurig. Sie sind sich gewohnt, einfach auf die nächsten, launischen Befehle ihres Vaters (oder der Mutter) zu warten und möglichst so darauf zu reagieren, dass die Erziehungsperson zufriedengestellt werden kann. Was wird aus solchen Kindern werden? Wie gesagt, liegt es ja nicht nur an der Erziehung, wie sich unsere Kinder entwickeln werden. Doch wer von den Eltern eingeschüchtert wird, hat sicher schon mal nicht die besten Startmöglichkeiten, um als Erwachsener mutig und stark zu sein.

Klar, manchmal wünsch ich mir schon, dass meine Kinder meinen Anweisungen etwas „zeitnäher“ in gewünschter Form Folge leisten würden. Doch grundsätzlich bin ich richtig happy, wenn ich merke, dass unsere Kinder selber denken können, sich mutig für etwas entscheiden und zu ihrer Meinung stehen können. Ich glaube, die Chancen stehen gut, dass aus ihnen einmal starke, mutige Persönlichkeiten werden.

Erziehungsmaschinen

Leider ist es viel einfacher, das Ziel, welches wir für unsere Kinder haben, zu definieren, als den Weg dorthin klar zu erkennen. Kürzlich musste ich schmunzeln, als in unserer Tageszeitung ein Artikel erschien, in dem über eine Belohnungssystem-Maschine, genannt Pointy, geschrieben wurde. Die Idee ist verlockend: Das Gerät soll mühsame Diskussionen beim Erziehen vermeiden. Eine Erziehungsmaschine, die uns vor den nervenaufreibenden Kämpfen mit unseren Kindern verschonen soll.

Ich liebe diese Kämpfe und Diskussionen auch nicht. Trotzdem finde ich die Maschine nicht wirklich hilfreich, aus zwei Gründen: Das Gerät, welches helfen soll, dass auch die mühsamen Ämtli ohne Diskussion erledigt werden, kann gar nicht halten, was es verspricht. Ein solches Anreizsystem ist vielleicht am Anfang lustig, aber bald einmal wird es die erhoffte Wirkung verlieren (das bestätigen übrigens sogar die befragten Kinder). Der zweite Grund ist für mich aber der wichtigere: Unsere Kinder brauchen genau diese Kämpfe und Diskussionen mit uns. Sie müssen lernen, zu verhandeln und mutig zu ihrer Meinung zu stehen. Sie müssen aber auch erkennen können, wann der falsche Zeitpunkt zum Verhandeln ist. Schliesslich wollen wir auch nicht zurück in die antiautoritäre Erziehung: Die Eltern bleiben die Chefs.

Auch das wünsch ich meinen Kindern für später: Verhandlungsgeschick, mutig zur eigenen Meinung stehen, aber auch erkennen, wann „dem Chef“ (der Autoritätsperson) besser nicht widersprochen wird.

Am Ende des besagten Artikels zur „Erziehungsmaschine“ sagt Walter Herzog, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Bern: „Es gibt in der Erziehung keinen einfachen Mechanismus, den man anwenden kann, und dann klappt alles.“

Es bleibt also viel Arbeit für uns als Eltern. Doch diese Arbeit ist unheimlich wichtig und wertvoll. Was wünschen wir uns für unsere Kinder, was für Erwachsene sollen es später einmal sein? Und wie denken wir, dass wir unsere Kinder auf diesem Weg am besten unterstützen können?

 

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Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Liebe“.

Familienrhythmus und Papigutschein

Der Erwachsene achtet auf Taten, das Kind auf Liebe.
aus Indien

Seit unsere Kinder damals mit der Spielgruppe ihre Ausbildungslaufbahn und Schulkarriere gestartet hatten, gehört es jeden August zu den wiederkehrenden Aufgaben: Wir müssen als Familie einen neuen, passenden Wochenrhythmus finden.

Das heisst einerseits einen bewährten Wochenplan und damit vielleicht auch Liebgewonnenes loszulassen, anderseits eben auch, sich auf etwas Neues einzustellen und neue Möglichkeiten (oder auch mal Unmöglichkeiten) zu entdecken.

Für uns heisst das zum Beispiel immer wieder zu definieren, wann wir unseren freien Tag haben. Das ist gar nicht so einfach – auf jeden Fall, wenn wir als Familie einen gemeinsamen freien Tag haben möchten: Unter der Woche ist das Programm der Kids immer mehr gefüllt und am Wochenende durch Auftritte, Seminare und Referate das unsere. Während der Spielgruppenzeit unseres Jüngsten genossen wir es zum Beispiel, am Mittwochmorgen für uns als Ehepaar freie Zeit zu haben – mit dem Fahrrad der Aare entlang „velowandern“, eine gemütliche Stunde in einem Café… – und der Nachmittag war für uns als Familie reserviert. Dann kam der Sohn in das erste Kindergartenjahr und hatte am Mittwochmorgen wieder frei. Und fertig war es mit dem Morgen zu zweit. Oder der Montagabend war ein gemütlicher, ruhiger Abend daheim, dann hatte unsere Tochter genau an diesem Abend Schwimmkurs.

Seit diesem Sommer ist nun auch unser Sohn in der Schule. Das bringt bezüglich Familienrhythmus ganz neue Möglichkeiten und Chancen, aber auch Herausforderungen mit sich. Gerade sind wir noch am herausfinden, wie wir unser Wochenprogramm gestalten können, damit nichts zu kurz kommt (Hausaufgaben, Ämtli, Haushalt, unsere vielen Projekte) und wir doch auch genügend Familienzeiten haben.

Neben den gemeinsamen Momenten zu viert, haben wir noch etwas eingeführt, das uns helfen soll, regelmässige Zeiten von einem Elternteil mit einem unserer Kinder zu haben. Wir nennen das Papi-, resp. Mamigutschein. Ab dem ersten Schuljahr gibt es für unsere beiden Kinder jeden Monat einen solchen Gutschein. Im August starteten wir mit einem Papi-Sohn-Erlebnis und Joy durfte ihren Gutschein beim Mami einlösen.

So sass ich also letzten Sonntag mit unserem Janosch im Stade de Suisse in Bern. Er war happy, ich war happy – und gemeinsam hätten wir uns ein etwas besseres Spiel von YB gewünscht. Aber eigentlich ist das Spiel ja Nebensache. Viel wichtiger ist doch, dass ich als Vater mit meinem Sohn etwas erlebt habe. Und seine Wunschliste für die nächsten Papigutscheine ist schon ziemlich lang: Minigolf steht da, nach dem Fussball- folgt sicher später auch ein Hockeymatch…

Unsere Tochter tut sich da etwas schwerer, und zwar nicht nur beim Papi, auch wenn sie sich etwas wünschen darf, das sie mit ihrer Mutter unternehmen darf. Aber ich bin sicher, angestachelt durch ihren Bruder wird sie noch manche Idee bekommen. Es gilt sowieso: Das Was (solange es im Bereich des Möglichen und Finanzierbaren liegt) spielt eine nebensächliche Rolle, viel wichtiger ist es, dass wir überhaupt solche gemeinsame, wertvolle Momente mit unseren Kindern erleben.

Die Papigutscheine sind für mich eine geeignete Form, meinen Kindern Zeit, und damit Liebe zu schenken. Ich vermute (und hoffe), dass unseren Kindern im Rückblick weniger teure Geschenke in bleibender Erinnerung sind, sondern die gemeinsam verbrachten Augenblicke, zum Beispiel beim Einlösen des Papigutscheines.

 

 

 

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichLiebe“.

Oh du fröhlicher Weihnachtsstress

„Weihnachten offenbart die Temperaturen im Umgang der Menschen miteinander.“
Kardinal Karl Lehmann

Und wieder steht uns das „Fest der Liebe“ kurz bevor. Und wie alle Jahre wieder ist die Adventszeit von einem mehrwöchigen Ausnahmezustand geprägt: Ein Weihnachtsessen reiht sich ans andere, Geschenke werden gewünscht, gebastelt und gekauft, man trifft sich an Weihnachtsmärkten, die vor allem durch kulinarische Nascherein zu bestechen vermögen, die Vorfreude auf das grosse Fest steigt bei den Kindern von Tag zu Tag – etwa im ähnlichen Verlauf der Stresskurve der Eltern.

Ganz nach dem schlauen Spruch von Kurt Marti, „Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.“, gehört bei mir die Frage nach Sinn und Unsinn unserer Art Weihnachten zu feiern alljährlich dazu. Ich steh da in einem inneren Konflikt: Auf der einen Seite sprechen mich all diese Adventsrituale an. Die Idee, mit den Kindern all die Weihnachtsgeschenke für Grosis und Göttis selbst zu basteln, ist doch wunderbar. Und was gibt es besseres, als „in Liebe selbst gebackene Weihnachtsguetzli“? Auch das Bummeln auf dem Weihnachtsmarkt mit der ganz besonderen Duftnote gefällt mir jedes Jahr wieder – besonders, weil der Besuch eines solches Marktes zu einem guten Ritual für uns als Ehepaar wurde. Dann sind da noch die Weihnachtsessen. Warum muss ausgerechnet im Advent jede Kommission, jede Firma und jeder Verein noch ein Weihnachtsessen machen? Klar, man könnte dies auch im Januar nachholen; aber irgendwie wäre dies dann doch nicht dasselbe, oder?

Ich habe also sehr viel Sympathie für all diese Dinge, die den Advent ausmachen. Und doch gibt es eben eine Spannung in mir. Gerade gestern beim Coiffeur war da diese Situation: Eine Mutter gesteht mir, dass sie eigentlich gerade ziemlich überfordert ist. Und ich frage mich: Führt diese Art, wie wir Advent und Weihnachten verbringen nicht dazu, dass wir uns selbst überfordern und an Heiligabend erschöpft in den Sessel fallen, die Weihnachtslieder hinter uns bringen und kein Hauch von Besinnung auf das wahre Weihnachten mehr möglich ist?

Vielleicht wollen wir wieder einmal zu viel – zu viel des Guten. Vielleicht sind es zu viele gute Erwartungen, zu viele gute Vorsätze (wen wir alles beschenken wollen), zu viel Lust auf Harmonie – Friede, Freude und Liebe auf Knopfdruck, und zu viel ausgemalte Weihnachts- und Familienidylle. Möglicherweise gibt es auch den unbewussten Antrieb in uns, in der Weihnachtszeit nahzuholen, was wir auf der zwischenmenschlichen Ebene durchs Jahr verpasst haben.

Vielleicht, und da bin ich mir ziemlich sicher, wäre weniger oftmals mehr. Ich hätte da eine Idee: Weniger „Fest der Liebe“ dafür mehr Liebe während dem Jahr. Könnte das ein weihnächtlicher Vorsatz sein? Ein Geschenk, das wir uns gegenseitig schenken könnten?

Und hier noch für alle, die ihre Familien Weihnachtsfeier am Planen sind. Im Alltagstipp Weihnachten einmal anders im Radio Life Channel haben wir eine Idee parat.

Erholsame Familienferien – gibt's das?

„Und, habt ihr euch gut erholt?“ fragte mich mein Chef nach den Sommerferien. Meine reflexartige Antwort: „Gut erholt? Erholung und Familienferien, das gibt’s doch gar nicht!“

Klar habe auch ich mich auf unsere Ferien gefreut. Und klar doch, es gab auch viele schöne Momente mit unseren Kindern – beim Erklimmen des Riederhorns, zum Beispiel. Oder als Statist auf dem Set vom Dällebach-Film.

Aber ganz ehrlich: Unter Erholung stelle ich mir etwas anderes vor. Auch wenn die mühsamen Zeiten – die Konflikte, die Reibereien und so – gesamthaft nicht mehr als ein bis zwei Stunden pro Tag ausmachen, die Energie, die da fast körperlich spürbar von einem weicht, laugt aus und hat ein grosses Frustpotenzial.

Ich habe einen Verdacht: Es geht nicht nur mir so! Wenn ich nämlich über meinen Ferienfrust spreche, ernte ich nicht selten ein verständnisvolles und sogar bestätigendes Kopfnicken.

Wie also gelingen Familienferien? Ist das überhaupt möglich? Nach meiner Einleitung sollte klar sein, dass ich folgende Tipps nicht als Besserwisser niederschreibe…

  • Idealbilder ausmisten: Die harmonischen Familienferien, in denen jedes Mitglied der Familie jederzeit völlig zufrieden ist, gibt es nicht! Bei der Planung haben wir da oft verklärte Vorstellungen von einer Familienidylle, die es nicht einmal im Film gibt. 
  • Erwartungen klären: Die zu hohen Erwartungen sind das Eine, die unterschiedlichen Erwartungen das Andere. Finden wir als Paar oder als ganze Familie Wege, die Erwartungen, die jeder mitbringt, auszusprechen und zu klären?
  • Wunschkonzert veranstalten: Damit haben wir schon mehrmals gute Erfahrungen gemacht: Jedes Familienmitglied darf eine bestimmte Anzahl Wünsche äussern. Alle Wünsche (z.B. ein bestimmter Ausflug, Kinoabend, Spaziergang….) werden schriftlich festgehalten und nach der Umsetzung abgestrichen.
  • Freiraum geben: So sehr wir uns darauf freuen: Rund um die Uhr als Familie zusammen zu sein, ist eine Herausforderung. Im Alltag hat jeder seinen Rhythmus mit Schule/Arbeit und Freizeitgestaltung. Wenn wir jetzt plötzlich alle die ganze Zeit zusammen sind, kann das leicht eine explosive Stimmung geben. Könnte es die Familienferien aufwerten, wenn jeder auch mal eine Stunde oder einen Halbtag für sich alleine „bekommt“?
  • Realistisch planen: Sind Wanderferien mit unseren Kindern möglich/sinnvoll? Was wollen (und können) wir bieten, was nicht? Ein überladenes Programm (= Freizeitstress), überfordert genauso wie eine Woche in der Stille mit wilden Kids.

Die nächsten Ferien kommen schon bald! Wie können diese positiv gestaltet werden? Welche weiteren Tipps und erprobten Erfahrungen gibt es?

Ein ähnliches Thema sind die Familien-Weihnachtsfeiern, welchen jeweils erwartungsvoll entgegen geschaut wird, manchmal aber auch im Desaster enden. Hierzu haben wir beim Radio Life Channel einen Alltagstipp produziert.
Diese Woche gings in meinem Blogbeitrag um den Lebensbereich „Partnerschaft & Familie“. Nächste Woche ist „Gesellschaft“ an der Reihe.

Bestrafe sie mit Freundlichkeit

Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege Böses mit Gutem. (Die Bibel)

… oder wie meine Frau zu sagen pflegt: „Bestrafe sie mit Freundlichkeit“.

Brauchen wir in unserer aufgeklärten Gesellschaft, in einer Zeit, in der sich alle „Weltfrieden“ wünschen, überhaupt noch solche Weisheiten aus dem alten Buch? Ist nicht längst schon jedem klar, dass dauerhafter Frieden nicht durch immer wieder neue Vergeltungsschläge herbeizuführen ist?

Klar wissen wir das – und zeigen mit dem Finger auf die weltpolitischen Brennpunkte, zum Beispiel im Nahen Osten.

Nur: Bin ich wirklich so viel besser, als die dort? Was, wenn mich meine Tochter zur Weissglut treibt? Besiege ich dann das Böse mit dem Guten oder werde ich nicht doch eher selbst „böse“?

Dabei ist das Prinzip „Besiege das Böse mit dem Guten“ (oder: „Bestrafe sie mit Freundlichkeit) gar nicht etwa so ein Weichspülerrezept für eine scheinbar heile Welt, in der alle nett zueinander sind. Es geht nicht darum, Böses gut zu finden. Auch nicht um ein billiges „Schwamm drüber“. Und schon gar nicht, Unrecht nicht mehr beim Namen zu nennen.

Was uns das Prinzip zu lernen hat, betrifft weniger unser Gegenüber, sondern uns selbst:

  • Geb ich einem Konflikt Macht über mich? Lass ich mich von den negativen Gefühlen beherrschen oder finde ich einen anderen Weg?
  • Lass ich mich von Agression gefangen nehmen und werde selbst agressiv? Oder sage ich zu mir: „Stopp, das musst du nicht mitmachen. Lass dich da nicht hineinziehen!“
  • Hab ich die innere Stärke, die Negativspirale zu durchbrechen?

Ob es fremde Länder sind oder Familienmitglieder, die im Streit miteinander liegen – das biblische Prinzip könnte viel zur Entschärfung beitragen. Wenn auf Agression weitere Agression folgt, wird aus der sprichwörtlichen Maus schnell einmal ein Elefant. Wenn wir jedoch versuchen dem Bösen mit dem Guten zu antworten, kann nicht selten ein schwerwiegender Flächenbrand verhindert werden.

Ich hab das Prinzip im Familienalltag selbst „getestet“: Wenn ich im Konflikt zurück brülle, weitet sich das Chaos weiter aus, die Stimmung sinkt und sinkt. Gelingt es mir, ruhig zu bleiben, vielleicht sogar meine Tochter in den Arm zu nehmen, Verständnis zu zeigen, kann das schreiende Kind plötzlich in ruhiger Stimme erklären, was sie bedrückt. Nocheinmal: Es geht nicht darum, einfach lieb und nett zu sein. Gerade als Vater will ich mich ja nicht von den Kindern an der Nase herumführen lassen. Doch es geht darum, die „Waffen der Agression“ mit den „Waffen der Liebe“ einzutauschen.