Geschenkte Zeit

Meine Agenda für den März war ziemlich dicht: Hier eine Schulung, da ein Kongress, dort ein Forum, verschiedene Vereinsversammlung und dazu noch ein Familienfest.

Und plötzlich wird ein Anlass nach dem anderen abgesagt und der Terminkalender wird sympathisch „luftiger“.

Da stellt sich die Frage: „Was tun mit der geschenkten Zeit?“

Per Knopfdruck zur Ruhe kommen?

Derzeit sind etliche meiner Berufskollegen in Quarantäne, resp. in häuslicher Isolation, und haben somit 14 Tage Zeit für „Selbstzeit“, die vermutlich bei manchen dieser engagierten Personen im Alltag eher zu kurz kommt.

Da einer unserer Referenten beim Leitungskongress von letzter Woche in Karlsruhe positiv auf Corona getestet wurde, sind einige weitere Referenten, Vorstände und Mitarbeitende, die mit dem Betroffenen am Abend vor dem Kongress zusammen waren, isoliert worden. Einige von ihnen haben in deutschen Medien über diese spezielle Zeit berichtet, heute hat sogar der Blick eine Story dazu gebracht (Samuel Koch in Corona-Quarantäne).

Wir standen als ganze Familie während dem Kongress im Einsatz. Als dieser am Freitagmittag abgebrochen wurde, musste ich zuerst meine Familienmitglieder suchen. Da meine Frau in der Referentenbetreuung engagiert war, stellte sich sofort die Frage: Ist sie auch von der Quarantäne-Massnahme betroffen?

Das war zum Glück nicht so! Weil sie wie die meisten Mitarbeitenden und die tausenden Teilnehmenden nicht mit dem Betroffenen in Kontakt kam und die sogenannten Kontaktpersonen 1 noch nicht ansteckend waren, bestand zu keiner Zeit Gefahr für die allermeisten Personen.

Wie schnell es hätte gehen können, zeigt jedoch die Tatsache, dass mindestens drei der Kontaktpersonen 1 inzwischen positiv getestet wurden. Noch eindrücklicher und erschreckender die Verbreitung des Virus beim Fastentreffen von «Porte Ouverte».

Aber wie geht es denn den Menschen in Quarantäne? Wie nutzen sie die geschenkte Zeit?

Laut ihren Berichten (z.B. im Der Leiterblog oder bei Craig Groeschel) ist es gar nicht so einfach, per Knopfdruck verordnet vom Gesundheitsamt zur Ruhe zu kommen.

Dank Homeoffice wird einerseits weitergearbeitet und durch den Kongressabbruch und das Umdisponieren wegen Corona gibt es nicht bloss Freiraum, sondern auch eine grosse Menge Zusatzarbeit.

Während Einkehrtage, Zeiten der Stille und Zurückgezogenheit sehr beliebt sind, fällt es verständlicherweise schwer, so unerwartet in Isolation zu leben: Keine Umarmung des Partners, einige verbringen die 14 Tage sogar ganz getrennt von Partner und Kinder.

„Jetzt hättest du doch einmal Zeit für …“

So einfach ist es eben für viele von uns nicht.

Ich hab das neulich erlebt. Völlig andere Situation, total harmlos: Wegen dem Sturm Sabine mussten wir einen Tag unserer Skiferien abseits der Piste – sprich in der Ferienwohnung – verbringen.

Jetzt hätte ich Stunden zum Lesen gehabt. Und genügend Lesestoff hatte ich in weiser Voraussicht sogar eingepackt.

Doch als enthusiastischer Skifahrer fiel es mir total schwer, innerlich zur Ruhe zu kommen, die „geschenkte Zeit“ umzunutzen und einfach den Moment beim Lesen zu geniessen.

Was ich merke: Ich muss eben auch freie Zeit bewusst gestalten, wenn ich sie bewusst erleben will. Während meinem Spitalaufenthalt vor einigen Jahren (ironischerweise nach einem Skiunfall) half mir, wenn ich den viel zu langen Tag durch Rituale in eine Struktur brachte.

Und für die nächsten Woche, wo jetzt plötzlich einige weisse Flecken in der Agenda zu finden sind, will ich nicht einfach zuschauen, wie sich die Tage von selbst füllen – denn das täten sie sich bestimmt. Stattdessen will ich mir bewusst Dinge einplanen, die sonst zu kurz kommen: Gartenarbeit, Menschen treffen, „an der Firma, nicht bloss in der Firma“ arbeiten und ja, Bücher lesen muss auch auf diese Liste.

Ich bin dankbar, hat es niemand aus unserer Familie punkto Quarantäne getroffen. Den Kollegen in Isolation wünsche ich, dass diese Zeit nicht nur Last sondern am Ende auch ein bisschen Lust mit sich bringt.

Glücksaufgabe

Derzeit müssen viele Veranstaltungen abgesagt werden. Wahrscheinlich wird wohl fast jeder dadurch etwas mehr Zeit geschenkt bekommen. Wie willst du diese Zeit gestalten, damit nicht bloss deine Bildschirmzeit erhöht wird?

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