Als in Studen die Uhr stehen blieb

Heute ist in meinem Dorf ein Freudentag: Das unsägliche Leid der letzten Monate hat ein Ende gefunden. Die Uhr am alten Schulhaustürmchen funktioniert wieder!

Den Kredit zur Reparatur hatten wir im Gemeinderat schon längst gesprochen, Lieferschwierigkeiten der beauftragten Firma führten jedoch zu diesem wochenlangen zeitlosen Zustand in Studen.

Dies führte natürlich dazu, dass sich die netten bis weniger netten und witzigen Bemerkungen immer mehr häuften und wir in Studen schon etwas zur Lachnummer wurden: „Wenn ich im Lotto gewinne, werde ich Studen einen neue Turmuhr spendieren“, schrieb mir beispielsweise jemand von ausserhalb.

Aber die Situation hat auch ihr Gutes: Unsere Kinder hatten immer eine Entschuldigung, wenn sie zu spät nach Hause kamen. „Ah sorry, die Uhr hatte erst viertel vor sechs.“

Und ich staunte, wie hartnäckig unser Hirn doch ist. Ich wusste ja schon längst, dass die Uhr nicht mehr funktioniert. Und doch schaute ich bei jedem Vorbeigehen darauf und wollte mich versichern, ob ich pünktlich zum nächsten (Sitzungs)Termin oder zur Zugsabfahrt unterwegs bin.  „Ach ja, es ist immer noch viertel vor sechs.“

Doch heute ändert sich alles: Die Uhr funktioniert wieder, die Zeit geht auch in Studen wieder ihren normalen Lauf.

Im Jetzt leben

Eine stehengebliebene Uhr zeigt immerhin zwei Mal am Tag die richtige Zeit an. Da ist es bei uns Menschen schon etwas komplizierter: Bei uns ist es möglich, dass unser Lebensgefühl noch viel seltener „im Moment“ ist.

Immer ein Tick zu spät oder schon einen Schritt voraus. Kennst du das?

Es gibt Menschen, die klammern sich mit verklärtem Blick an die Vergangenheit:
„Früher war alles besser!“
„Als die Kinder klein waren, hatten wir es als Familie noch gut.“
„In meinen ersten Berufsjahren hatte ich noch nicht so einen grossen Druck.“
„Wie toll war es, als mein Körper diese langen Bergwanderungen noch zuliess …“

Die andere Gruppe Menschen besteht aus denen, die gedanklich immer schon in der Zukunft leben:
„Wenn ich Abteilungsleiter werde, kann ich endlich umsetzen wovon ich träume“.
„Sind die Kinder endlich aus dem Haus, wird unsere Ehe neu aufleben.“
„Bin ich erst einmal finanziell abgesichert, werde ich mein Leben geniessen.“
„Wenn ich …, dann …!“

Im GlücksBuch schreibe ich dazu:

Beide, der Visionär und der Nostalgiker, haben im Grunde dasselbe Problem: Die Gegenwart kann nie so gut sein, wie die Vergangenheit es war oder die Zukunft es sein wird. Natürlich malt der Nostalgiker die Vergangenheit in seinen Gedanken farbiger, als sie in Wirklichkeit war. Und ganz bestimmt malt sich der Visionär die Zukunft vollkommener aus, als sie in der realen Welt sein wird.

„The time is now!“ habe ich letzte Woche in einem Referat gehört. Das muss ich mir immer wieder sagen. Als Visionär neige ich dazu, in der Zukunft zu leben. Aber was zählt, ist der Moment:
„Ich fokussiere mich auf diese Begegnung gerade hier und jetzt.“
„Die Arbeit, die ich jetzt gerade tue, ist jetzt meine Priorität.“
„Die Zeit mit meinen Kids verdient jetzt meine volle Aufmerksamkeit.“
„Meine Ehe pflege ich jetzt – nicht erst in fünf Jahren.“
„Ich lebe im Moment.“

Der Visionär muss sich quasi zurück in die Gegenwart holen. Bist du eher ein Nostalgiker? Dann halte nicht fest an der Vergangenheit, sondern mach einen Schritt vorwärts, komm in die Gegenwart!

Die Zeit ist jetzt!

Glücksaufgabe

Zu was neigst du eher – dem verklärten Blick in die Vergangenheit oder zur rosaroten Zukunftsbrille? Versuche heute jeden Augenblick bewusst zu leben. Versuche zum Beispiel die Person, die dir gerade jetzt gegenübersteht als die wichtigste Person auf Erden zu behandeln.

 

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#thebestisyettocome? Wie wird 2017?

Erfahrungen sind Maßarbeit. Sie passen nur dem, der sie macht.
Oscar Wilde

Einer meiner Facebook-Freunde hat #thebestisyettocome als (christliches) Unwort des Jahres vorgeschlagen. Dies war zwar mehr ironisch gemeint, hat mich aber trotzdem zum Nachdenken bewegt.

Was erwarte ich vom neuen Jahr? Was erwarte ich überhaupt von der vor mir liegenden Zeit?

Könnte es auch sein, dass die beste Zeit meines Lebens bereits hinter mir liegt? Das hoffe ich selbstverständlich nicht. Auch wenn ich in meinem Leben schon sehr viel Tolles, Motivierendes und Schönes erleben durfte – es dürfte in Zukunft durchaus noch mehr davon geben. Und ja, da sind auch noch grosse unerfüllte Träume.

Aber hilft es, wenn wir einfach den Hashtag #thebestisyettocome (also: Das Beste kommt erst noch) in die (socialmedia) Welt hinausposaunen?

Solcher herbeibeschworener Zukunftsoptimismus gibt es in der unterschiedlichsten Färbung:

  • Positives Denken will uns weis machen, dass wir alles erreichen können, was wir uns auch (aus)denken können.
  • Von Motivationsgurus werde ich unter dem Stichwort „So wird 20XX Ihr bestes Jahr“ zu jedem Jahreswechsel mit Seminar- und Workshopeinladungen eingedeckt.
  • Und eben auch in religiösen Kreisen kursiert diese #thebestisyettocome Haltung in der ganz eigenen Färbung: Wenn du Gott das Grosse wirklich von ganzem Herzen zutraust, wird es auch geschehen!

Entweder haben unsere Vorfahren etwas falsch gemacht oder #thebestisyettocome ist durchaus auch etwas kritisch zu sehen.

Jedenfalls sehe ich sowohl in der Geschichte (schon nur ein Blick in die Bibel reicht) als auch in meinem gegenwärtigen Umfeld viele geknickte Biographien. Das Leben verläuft einfach nicht am Schnürchen – und: es wird nicht einfach immer besser! Sorry, ich würde es auch gerne glauben.

Noch schlimmer: Inzwischen glaube ich auch nicht mehr an eine Art Zauberformel – egal welcher Färbung.

  • Auch mit dem grössten Glauben geschehen nicht alle gewünschten Wunder.
  • Noch so viel positive Visualisierung schützt nicht vor einem Schiffbruch.
  • Die ewige Selbstoptimierung wird uns nicht zu vollkommenen, stets erfolgreichen Menschen machen.

Ich glaube, dass das Leben individueller und viel komplexer ist. Wie es Oscar Wilde im obigen Zitat ausdrückt: Erfahrungen sind Massarbeit – meine Erfahrung passt zu mir, es ist meine persönliche, individuelle Geschichte. Und ich habe kein Recht, aus meiner Erfahrung 1 zu 1 auf das Leben anderer zu schliessen. Was bei mir gepasst hat, muss nicht unbedingt bei dir passen.

Nun, wie gehen wir also ins neue Jahr, überhaupt in die Zukunft? Statt #thebestisyettocome in eine pessimistische Haltung verfallen und in den allgemeinen depressiven Chor einstimmen: Es wird immer schlimmer und jetzt wird noch einer wie Donald Trump der mächtigste Mensch der Welt?

Natürlich nicht! Aber statt billige Rezepte wünsche ich mir eine tragfähige Hoffnung. Und statt das Beste immer in die Zukunft zu verbannen, möchte ich lernen, jedem einzelnen Tag die Chance geben, der beste Tag (für heute) zu sein. Im Hier und Jetzt leben und glücklich werden, bewusst schätzen und gestalten, was mir anvertraut ist.

Und was die Hoffnung angeht: In mir lebt tatsächlich diese Hoffnung, dass die Geschichte letztendlich ein gutes Ende nehmen wird. Ich glaube daran, dass Gott seine Versprechen hält und eines Tages dem Unvollkommenen ein Ende setzen wird.

In dem Sinn: #thebestisyettocome stimmt für mich tatsächlich, aber wohl nicht im 2017 – und nicht durch mein positives Denken, nicht durch meinen Glauben oder meine Selbstoptimierung. Sondern weil über allem Chaos ein gnädiger Gott ist, der ein Happyend für uns bereit hält.

 

Im GlücksBlog schreibe ich zu den fünf Bereichen, die zu einem Leben in Zufriedenheit gehören. Diese Woche geht es um den Bereich Bewusste Selbstführung.