Liebe in Mitten von Schutt und Asche

Man bleibt ja in den Sozialen Medien immer mal wieder an einem Video-Clip hängen. Einige bescheren einem einen kurzen witzigen Moment, anderen treiben einem Tränen in die Augen.

Und ganz viele weitere sind nicht mehr als Zeitfresser und halten uns von Begegnungen in der wirklichen Welt oder von unserer Arbeit ab.

Dieser Clip hier hat mich einerseits berührt und anderseits macht er mich irgendwie auch traurig. Schau selbst in den kurzen Clip, der unseren Umgang mit emotionalen Wunden beschreibt:


Hätte der Clip einen anderen Schluss, könnte er uns an die Karfreitags-Botschaft erinnern.

Natürlich würden ganz viele Menschen mit Haustieren bestätigen, dass ihr Hund oder ihre Katze ihnen auf wundersame Art helfen, mit emotionalen Verletzungen umzugehen.

Trotzdem macht mich der Clip traurig, vielleicht weil er mich daran erinnert, was ich auch sonst als Tendenz beobachte: Es gibt so viele super Aktionen und Aktivitäten, vom Happy Café über Kurse zur Steigerung der Lebensfreude bis zum von der UNO-Hauptversammlung 2012 eingeführten Weltglückstag, um daran zu erinnern, dass es ein Wohlergehen gibt, das über den materiellen Wohlstand hinausgeht.

Ich freu mich aufrichtig an diesen guten Aktionen. Und gleichzeitig werde ich traurig, wenn wir dabei in die Selbstoptimierungs-Falle tappen und der materiellen Leistungsgesellschaft mit einer, nennen wir es einmal emotionalen Leistungsgesellschaft entgegentreten wollen.

Ich will unbedingt mehr Mitmenschlichkeit, Liebe statt Eifersucht, Freude statt Angst, Hoffnung statt Resignation, Gemeinschaft statt Egoismus.

Ich glaube, dass wir Glück für uns und unsere Mitmenschen finden können. Und ich weiss, dass wir ganz viel zu unserer eigenen Lebenszufriedenheit und emotionalen Gesundheit beitragen können – natürlich, sonst hätte ich ja auch nicht ein Buch darüber geschrieben.

Doch, was ich in meinem Buch auch nicht verheimliche: Ich bin zutiefst überzeugt, dass unsere Seele nach einem göttlichen Gegenüber verlangt. Eine Liebe, Hoffnung, Versöhnung, Gnade, die nicht von Menschenhand gemacht sind.

Der Mensch kann viel – aber er ist nicht fähig, dieses Vakuum der Seele zu stillen. Weil all unsere Versuche nach Selbstoptimeriung, vollkommener Liebe, reiner Mitmenschlichkeit und grenzenlosem Versöhntsein ab einem gewissen Punkt ins Leere laufen werden. Scheitern vorprogrammiert.

Der Brand von Notre Dame als Erinnerung

Schutt und Asche – und Mitten drin das leuchtende Kreuz. Was für eine Erinnerung in dieser Karwoche.

Notre Dame mag abbrennen, aber das Symbol der göttlichen Liebe steht nach wie vor.

Unser Versuch, mehr Liebe und Hoffnung in diese Welt zu bringen, mag grandios scheitern, aber seine Liebe bleibt bestehen und zählt ganz persönlich für uns.

Das Projekt „World Peace“ ist einige Schuhnummern zu gross für uns. Ein friedliches Zusammenleben aller Menschen kann nicht funktionieren. Wie auch, wenn wir es nicht mal schaffen, mit uns selbst in Frieden zu leben? Geschweige denn mit unseren Nächsten, dem Fremden – allen?!

Darum brauchen wir bei allen guten Versuchen zu mehr Wohlbefinden, Mitmenschlichkeit, Lebensfreude und Zufriedenheit diesen göttlichen Frieden, den die Bibel Shalom nennt, der möglich wird, weil nicht wir ihn erschaffen müssen, sondern weil er uns geschenkt ist!

Das ist Karfreitag: In Jesus ging Gott selbst den Weg, den wir trotz gutgemeinten Bemühungen nicht schaffen können. Er nahm die „schwarzen Flecken“ von uns, unseren Mitmenschen und von der ganzen Welt auf sich – damit wir in Frieden leben können.

Glücksaufgabe

Karfreitag und Ostern sind wunderbare Feiertage – paar Tage frei, Zeit für Familie, Frühlingssonne geniessen … Wunderbar!

Und was machen wir mit dem göttlichen Friedensangebot? Nutz doch die freie Zeit auch, um darüber nachzudenken, ob du auf deiner Reise zu mehr Lebenszufriedenheit ganz alleine auf dich setzt oder ob du mit mir einig gehst, dass unsere Seele auf dieses göttliche Gegenüber angewiesen ist.

Vielleicht hilft dir dieser Clip dabei – es ist nicht unser Haustier, das die „schwarzen Flecken“ der Welt tragen kann:

 

 

Lass es los!

Gestern marschierte ich an meinem „stillen Nachmittag“ mit einem Rucksack am Rücken quer durch die Stadt Biel. Es war ein guter Sportrucksack und trotz Laptop, Büchern und Schreibwaren fühlte sich das Gewicht überhaupt nicht unangenehm an.

Doch wie oft tragen wir in unserem Leben einen imaginären Rucksack mit uns herum, dessen Last und schier zu Boden drückt?

In diesem Rucksack, den wir viel öfter mit uns herumtragen als es uns bewusst und lieb ist, sammeln wir alle Verletzungen, die uns andere Menschen antun.

Es sind böse Worte, Enttäuschungen, Kränkungen oder das Gefühl, übergangen zu werden – oft Kleinigkeiten, die sich der Verursacher möglicherweise gar nicht bewusst ist.

Natürlich gibt es auch die richtig schweren Steine in diesem Rucksack: Leute hintergehen uns, bekämpfen uns aktiv, machen uns und unsere Arbeit schlecht, vielleicht geht es sogar um öffentliche Verleumdungen oder in manchen Fällen um körperliche oder psychische Gewalt, wie es mehr Leute erleben müssen, als wir es wohl vermuten würden.

Nun, wo Unrecht geschieht oder gar Straftaten begangen werden, müssen diese angesprochen, resp. angezeigt werden.

Doch löst das unser Problem mit dem imaginären Rucksack? Nur bedingt!

Vergebung ist eine weitere Glücksaktivität, die sowohl in der Positiven Psychologie als auch in der Theologie eine wichtige Rolle spielt. Eigentlich ist es sogar das Kernthema der Theologie.

Vergeben und Loslassen zu können, ist darum so wichtig, weil eben wir selbst diesen imaginären Rucksack mit uns herumtragen – und nicht etwa der Täter oder die Täterin! Wirklich frei wird nur, wer seine Peiniger freigibt, loslässt und ihnen vergibt.

Und zwar gerade nicht, weil sie es verdient hätten, sondern weil sie es nicht wert sind, dass sie unser Leben weiterhin blockieren. Wer loslassen und vergeben kann, tut zuallererst sich selbst einen Gefallen.

Wenn unsere Vergebungsbereitschaft dazu führt, dass auch der andere die Konfliktsituation überwinden und hinter sich lassen kann,  umso besser. Aber es geht hier in erster Linie darum, dass wir nicht zu verbitterten Personen werden.

Wer lernt zu vergeben, ist weniger hasserfüllt, neigt weniger zu Depressionen und verzichtet auf den Gegenangriff (Rache). Und dies alles wird natürlich positive Auswirkungen auf unser Glücksempfinden haben.

Du bist frei

Und wenn ich als Theologe kurz vor Ostern über Vergebung spreche, kann ich nicht anders als dass ich auch das „Alleinstellungsmerkmal“, den USP, des christlichen Glaubens anspreche: Während wir uns an Weihnachten daran erinnern, dass Gott sich in Menschengestalt und dennoch in vollkommener, göttlichen Liebe dieser Welt zugewandt hat, ist Ostern das Fest der Hoffnung. Jesus Christus hat über den Tod und alle Schmach der Welt triumphiert.

Und mehr noch: Karfreitag und der Kreuzestod stehen dafür, dass Gott selbst den imaginären Rucksack loslässt, uns alle kleinen und grossen Untaten vergibt und uns damit Freiheit anbietet.

Darum: Lass es los! All das, was andere Menschen dir antun. Und all das, was du anderen Menschen antust. Da ist ein Gott, der nicht nachtragend ist und uns selbst vorlebt, was er uns empfiehlt:

Da wandte sich Petrus an Jesus und fragte: »Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er immer wieder gegen mich sündigt? Siebenmal?« – »Nein«, gab Jesus ihm zur Antwort, »nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal!«

Glücksaufgabe

Was trägst du aktuell in deinem imaginären Rucksack? Was davon willst du über die kommenden Ostertage bewusst loslassen? Vielleicht kann dir dabei gerade der Besuch an einem der vielen Karfreitags- oder Oster-Gottesdienste eine Unterstützung sein. Oder du suchst für dich alleine einen Ort der Stille auf.

Konfrontationen ausweichen?

Strafe sie mit Freundlichkeit!
Brigitte Gerber

Heute, zwischen Karfreitag und Ostersonntag, mache ich mir Gedanken darüber, was zu tun ist, wenn Schwierigkeiten in einer Gemeinschaft auftauchen. Wie verhalten wir uns in Konfliktsituationen, wenn wir zum Beispiel (grundlos) angegriffen werden oder auf eine andere Weise ungerecht behandelt werden.

Meine Frau pflegt in solchen Situationen zu sagen: „Strafe sie mit Freundlichkeit!“ Ist der Service in einem Restaurant oder in einem Geschäft miserabel und will man sich schon fast entschuldigen, dass man überhaupt etwas kaufen will, greift meine Frau auf diese Strategie zurück und „bestraft“ das launische Verkaufspersonal mit einem doppelten Lächeln.

Solche Alltagssituationen mögen nervig sein, doch bleiben es im Vergleich zu den grossen Konfliktherden in Beziehungen und in unserer Gesellschaft Bagatellen. Da gibt es die schier ausweglosscheinenden Situationen in Paarbeziehungen, wenn das Verhalten des Partners beim besten Willen nicht verstanden wird. Immer wieder mit Betroffenheit nehme ich zur Kenntnis, dass der Familienfriede einem Erbschaftsstreit weichen muss. Oder der Konflikt im Dorf, weil eine Gruppe von Menschen missverstanden oder bewusst geschnitten wird.

Was in der kleinsten Zelle unserer Gesellschaft, der Familie, zum Alltag gehört, finden wir quasi als Makrobereich davon, in komplexen, länderübergreifenden politischen Konflikten. Im Jahr 1 nach dem arabischen Frühling haben wir uns längst an politische Unruhen, Regimekritik und Aufstände gewöhnt.

Zurück zu meiner Frage an diesem Samstag nach Karfreitag: Wie verhalten wir uns, ob in der Familie oder als unzufriedene Gemeinschaft, wenn wir vor einer Konfliktsituation stehen?

Können wir dabei von diesem Jesus lernen, an dessen Verbrechertod am Kreuz die Christenheit gestern gedacht hat? Auf den ersten Blick ist er der grosse Looser, der zum Gespött seiner Peiniger wurde: „Ebenso machten sich die führenden Priester und die Schriftgelehrten über ihn lustig. ‚Anderen hat er geholfen, aber sich selbst kann er nicht helfen‘, sagten sie spöttisch einer zum anderen.“ (Die Bibel, Markus 15,31)

Doch es greift zu kurz, wenn wir daraus ableiten, dass Jesus in Konfliktsituationen ein „Waschlapen“ war, der alles mit sich machen liess. Damit, dass er „den Karfreitag“ über sich ergehen liess, erfüllte er seine grosse Mission. Er war dabei nicht machtlos, sondern verzichtete bewusst darauf, seine Macht auszuspielen.

Gewaltloser Widerstand

Die Lehre Jesu über Nächsten-, ja sogar Feindesliebe, ist bekannt, wenn auch nicht sonderlich populär in unserer Gesellschaft. Doch was meinte Jesus, als er sagte: Schlägt dich jemand auf die eine Backe, dann halt ihm auch die andere hin, und nimmt dir jemand den Mantel, dann lass ihm auch das Hemd. (Die Bibel, Lukas 6,29)?
Ich glaube, wir verstehen diesen Text falsch, wenn wir folgern, man soll alles, was einem angetan wird, geduldig ertragen. Jesus predigte nicht ein weichgespühltes Christsein, das sich sado-maso mässig ohne Gegenwehr prügeln lässt.

In den Lehren Jesu und in seinem Verhalten (Konfrontation mit den geistlichen Führern seiner Zeit, Tempelreinigung und auch in seinem Verhör) sehe ich vielmehr ein spannendener Entwurf des gewaltlosen Widerstandes. Ganz nach dem Motto „Strafe sie mit Freundlichkeit“ stelle ich meinen Widersacher bloss, wenn ich seinen ersten Schlag einstecke und ihm auch die zweite Wange hinhalte. Wortlos sage ich damit: „Ich gebe dir nochmals die Gelegenheit, es besser zu machen.“ Wir povozieren damit, dass die Gewaltspirale durchbrochen wird und der Angreifer sein Verhalten reflektieren muss. Und dabei verhindern wir nicht selten den grossen Scherbenhaufen.

Wir lassen nicht alles mit uns geschehen. Aber wir quittieren Angriffe auf uns nicht mit Gegenangriffen. Wir finden kreativere, überraschendere Möglichkeiten, als mit Worten oder Fäusten zurückzuschlagen. Den anderen dazuzubringen, dass er über sein Verhalten nachdenket, scheint mir zudem viel effektiver zu sein, als Gewalt mit neuer Gewalt zu beantworten.

Indem Jesus an Karfreitag freiwillig auf das Ausüben seiner Macht verzichtet hat, machte er für uns den Weg zu Gott frei. Wenn wir in Beziehungen oder in den grossen politischen Konflikten nicht zurückschlagen, muss das nicht mit Machtlosigkeit zu tun haben. Es kann eine bewusst gewählte Konfliktstartegie sein, in der wir unsere Macht nicht ausspielen, um so den Weg für den Frieden freizumachen.

Der Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag ist nur eine Zwischenstation. Wir leben schon in der Auferstehungshoffnung, in der Gewissheit, dass das Leben den Tod bezwungen hat. Das ist die Hoffnung, die mich trägt – zuerst in meinem Glauben, dann aber auch in meiner Lebensgestaltung: Es gibt hoffnungsvollere Wege, als Gewalt mit Gewalt zu beantworten.

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.