Leben ohne zu bereuen

Aber freilich, wie viele bemühen sich der Früchte wegen um ihre Bäume, um den allerertragreichsten Besitz, dagegen, um die Freundschaft bekümmern sich die meisten nur lässig und ohne Lust.
Xenophon (430 – 354 v. Chr. griechischer Philosoph)

Höchst spannend, was Menschen anders machen würden, wenn sie ihr Leben vom Ende her betrachten: Die meisten Menschen bereuen auf dem Sterbebett, nicht mehr Zeit in Freundschaften investiert zu haben. Besonders bei den Männern geht dies gemäss Bronnie Ware, einer australischen Palliativpflegerin und Autorin, durchs Band mit einer weiteren Reue zusammen: „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.“

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=V6-0kYhqoRo[/youtube]

Neu ist diese Einsicht freilich nicht: Wie das obige Zitat zeigt, wurde schon 400 Jahre vor Christus die Arbeit über- und die Freundschaft unterbewertet. Auch wenn unsere Arbeit kaum aus der Bewirtschaftung von Bäumen und dem Ernten von Früchten besteht, hat der griechische Philosoph Xenophon eine wichtige Botschaft für uns: Wir stehen in Gefahr, uns zu sehr um den Lohn unserer Arbeit zu bemühen und vergessen dabei, dass der viel grössere und wertvollere Schatz in zwischenmenschlichen Beziehungen liegt – und nicht auf dem Bankkonto.

Gemäss Xenophon sind Freundschaften der allerertragreichste Besitz. Sinngemäss bin ich mit ihm einverstanden, wenn mir auch die Wortwahl etwas ungeschickt erscheint – aber das mag daran liegen, dass es zwischen Xenophon und mir fast 2500 Jahre zu überbrücken gilt und erst noch das Altgriechische in eine uns verständliche Sprache transferiert werden muss.

Jedenfalls sind Freundschaften aus meiner Sicht nicht etwas, das man besitzt. Freundschaften sind nicht Dinge, die man kaufen oder verwalten kann. Man kann sie auch nicht per Knopfdruck ins Leben rufen. Selbst Internetbekanntschaften unterscheiden sich grundlegend von den Dingen, die man in Onlineshops bestellt.

Freundschaften besitzt man nicht, Freundschaften pflegt man. Und das macht sie so unberechenbar. Freundschaften sind das Zusammenspiel von zwei oder mehr Individuen, es ist die Interaktion zwischen unterschiedlichen Menschen mit all ihrer Emotionalität.

Das ist ganz schön unberechenbar – weil ich ja nicht mal die eigene Emotionalität ständig unter Kontrolle habe. Freundschaften sind also ein lebendiger, unplanbarer Prozess.

Zudem habe ich Vorbehalte gegenüber dem Adjektiv „allerertagreichste“, welches hier im Zitat verwendet wird. Philosophisch betrachtet finde ich es okay, wirtschaftlich betrachtet finde ich es bedenklich: Freundschaften sollen nicht „gehalten“ werden wie Aktien, bei denen man auf eine möglichst hohe Gewinnausschüttung hofft. Die „Rendite“ in Freundschaften sollten nicht im berechenbaren Bereich gesucht werden, sondern im wertvollen Gut eines erfüllenden Miteinanders.

In dem Sinn schreibe ich im Glücksbuch von fünf Kennzeichen von Freundschaften auf Augenhöhe:

  • Kennen + gekannt werden => Offenheit
    Das «Wie geht’s?» zur Begrüßung ist hier nicht 
    bloß eine Floskel. Ich will tatsächlich wissen, was meinen Freund gerade beschäftigt.
  • Lieben + geliebt werden => sich um einander kümmern
    Freunde wissen nicht nur, wie es dem anderen geht, sie zeigen auch Mitgefühl
  • Dienen + sich dienen lassen => Demut
    In guten Freundschaften wird Liebe praktisch.
  • Ermahnen + ermahnt werden => Wahrheit sagen
    Ermutigende Gemeinschaft macht auch vor schwierigen
    Themen nicht Halt.
  • Feiern + gefeiert werden => Bestätigung
    Unter Freunden werden nicht nur die Geburtstage gefeiert. Wir freuen uns an den Erfolgen unserer Freunde mit.

Ist doch schade, wenn wir erst auf dem Sterbebett bemerken, wofür es wirklich wert gewesen wäre zu leben. Versuchen wir doch schon heute Tag für Tag so zu leben, dass wir einmal möglichst wenig zu bereuen haben!

 

   Lassen Sie sich von meinem Glücksbuch inspirieren!

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich Gesellschaft“.

Ich brauche dich!

‎Einsamkeit ist der Aussatz der modernen ‪‎Gesellschaft.
Und niemand möchte, dass man von ihm weiss, dass er aussätzig ist.

Mutter Teresa

„Haben Sie Freunde?“ „Klar, bei Facebook sind es aktuell 560. – Dann sind da noch die XING-Bekanntschaften und Twitter-Follower. Natürlich begegne ich auch im realen Leben tagein, tagaus Menschen. Ja, doch, ich habe viele Freunde. Oder mindestens bin ich von vielen Menschen umgeben.“

„Und wie viele dieser Freunde wissen, wie es Ihnen wirklich geht? Was Sie gerade beschäftigt und was Ihnen während den Skiferien am meisten Kummer bereitete?“ „Touché! All die Kontakte zeigen vielleicht, wie vernetzt ich bin, aber nicht, ob ich mein Leben wirklich mit Freunden an meiner Seite gestalte…“

Wirkliche Freunde habe ich vielleicht zehn, zähle ich meine Familie noch dazu, sind es maximal 20 Personen, die zu meinem engeren Kreis von Freunden gehören.

Einer dieser Freunde tauchte gestern Morgen um 7.12 Uhr an meinem Arbeitsplatz auf. Kurz vorher hatte ich ihm geschrieben, ob er mir rasch etwas helfen könnte. Doch meine SMS hatte er noch gar nicht gesehen. Und trotzdem war er da – das ist Freundschaft. Nun gut, wahrscheinlich war er eben auch da, weil er selbst etwas mit mir teilen wollte.

Mit Freunden geht’s leichter

Längst haben Studien belegt, dass es sich mit einem Partner oder mit Freunden an der Seite leichter und gesünder lebt. Kürzlich lass ich in der NZZ am Sonntag dazu: „Wer seinen Lebensstil ändern möchte, ist am erfolgreichsten, wenn sein Partner das gleiche Ziel verfolgt.“ Die entsprechende Untersuchung hat gezeigt, dass beim Versuch, das Rauchen abzugewöhnen, nur gerade acht Prozent erfolgreich sind, wenn sie es alleine tun. Hilft der Partner auch mit, steigt die Erfolgsquote auf 50 Prozent!

Wir sind so verdrahtet, dass das Leben tatsächlich besser gelingt, wenn wir es gemeinsam leben. Und das sagen nicht nur Studien, das würde wohl jeder bestätigen, der die Erfahrung von guten Freundschaften macht. Manchmal sind diese ermutigenden Beziehungen so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr merken, wie gut sie uns tun.

Wenn ich genau hinschaue, stelle ich fest, dass mir bereits eine kurze Begegnung von 15 Minuten mit einem Freund ein positives Gefühl für den restlichen Tag bringen kann. Dieser Effekt stellt sich bei motivierenden Begegnung im realen Leben ein. Die Vernetzung über Facebook find ich toll. Und die Likes und Kommentare geben auch das Gefühl, nicht alleine unterwegs zu sein.

Aber wenn ich vor die Wahl gestellt würde, gäbe ich sofort all meine 560 Facebook-Freunde her, um die zehn Freunde aus dem „richtigen Leben“ behalten zu können.

 

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Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Gesellschaft“.

Kann man Gemeinschaft organisieren?

Gross zu sein, hat uns allerdings auch nicht immer gutgetan,
tut eigentlich keiner Kirche besonders gut.
Gottfried Locher (im Interview Protestanten sind Meister im Entzaubern)

Wir Menschen sind für die Gemeinschaft gemacht. Anders gesagt: Wir brauchen andere Menschen um uns positiv (weiter)entwickeln zu können.

Nun beschäftigt mich aber als Leiter einer unkonventionellen Kirche seit 15 Jahren die Frage, ob man Gemeinschaft organisieren kann. In vielen Kirchen wird der Wert der Gemeinschaft grossgeschrieben. Und darum beginnt man, Gruppen zu organisieren: Interessensgruppen, Hauskreise, Freiwilligenteams, Kleingruppen…

Meine Erfahrung dabei ist eher frustrierend als motivierend. Denn: Die beste Gemeinschaft erlebe ich immer wieder bei natürlichen Treffen mit Freunden – und nicht in organisierten Gruppen.

Ohne Organisation geht es nicht

Die Lösung scheint auf den ersten Blick naheliegend: Organisieren wir einfach nichts mehr. So verlockend das sein mag, so sehr gibt es auch da Gefahren: Einerseits sollen Kirchen und ähnliche „Gemeinschaften“ ein Ort sein, an dem auch Menschen getragen werden, die sonst durch die sozialen Netze fallen würden. Und zum Anderen braucht selbst eine lebendige Freundschaft ein Mindestmass an Organisation.

Wenn ich die Gemeinschaft mit meinen Freunden in Süddeutschland so sehr schätze, aber nie Zeit und Raum schaffe, um diese Freundschaft zu pflegen, bleibt es eine imaginäre Gemeinschaft. Freundschaften leben von gelebter Gemeinschaft – und nicht nur von der Idee, sich bei Gelegenheit einmal zum Essen zu verabreden. Und wenn es schon bei natürlichen Freundschaften nicht ganz ohne Organisation geht, wie viel mehr braucht es da organisatorisches Geschick, wenn Gemeinschaft in einer Kirche lebendig gehalten werden soll.

Institutionalisierung tötet Gemeinschaft

Nun ist aber genau das die grosse Kunst und Herausforderung: Sobald wir eine anfänglich vielleicht sehr lebendige Gemeinschaft, möglicherweise sogar entstanden aus einem spontanen Treffen, institutionalisieren, ist das Scheitern praktisch vorprogrammiert. Was einmal gut und inspirierend war, bleibt nicht automatisch durch unzähliges Wiederholen immer noch gut und inspirierend. Institutionalisierte Gemeinschaft nützt sich mit der Zeit ab.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich das obige Zitat von Gottfried Locher studierte. Institutionelle Grösse tut einer Kirche nicht wirklich gut. Oder stellt mindestens eine grosse Herausforderung dar. Denn: Je grösser eine Organisation ist, desto schwerfälliger wird sie als Institution. Und solche träge Institutionen werden es schwer haben, gelebte Gemeinschaft zu ermöglichen.

Gemeinschaft offen organisieren

Diese Woche bin ich über folgende Zeilen gestolpert. Aus meiner Sicht könnte das von Tony Jones vorgestellte Konzept ein guter Lösungsansatz sein, wie Gemeinschaft offen organisiert werden könnte:

Jones regt eine „Wikichurch“ an, also eine nicht hierarchisch strukturierte Glaubensgemeinschaft, zu der jede/r etwas beitragen kann. Konkret empfiehlt er die Organisationsstruktur des „open-source network“. Dabei tritt die gegenseitige Kommunikation ins Zentrum der Aufmerksamkeit. …

Freimütig räumt Jones ein, dass es bei einer solchen Organisationsstruktur zu Fehlern kommen kann (wie bei Wikipedia). Doch erscheint ihm die Gefahr der Erstarrung wie in den bisherigen Kirchen bedrohlicher.
(Quelle: Praktische Theologie, Christian Grethlein)

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Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Gesellschaft“.

Herzlichkeit leben

Brigitte & Stefan Gerber alleine in der Gondelbahn

Freundlichkeit ist eine Sprache, die Taube hören und Blinde sehen.
Mark Twain

Zum Startschuss in die Wintersaison erhielten wir letzte Saison vom Betriebsleiter einer Bergbahn eine schöne Anfrage: Er wünschte für seine 50 Mitarbeitenden im Skigebiet eine Herzlichkeitsschulung. So machten wir uns erwartungsvoll auf die Reise in die Innerschweiz und kamen nach abenteuerlicher „Selbstbedienungs-Gondelbahnfahrt“ an der Bergstation an, wo das Personal bereits versammelt war und nun von uns zu einem herzlichen Umgang mit den Gästen motiviert wurde.

Brigitte & Stefan Gerber alleine in der Gondelbahn

Herzlichkeit – oder mindestens Freundlichkeit – ist ein zentraler Wert im Dienstleistungssektor. Mark Twain hat recht, wenn er mit obigem Zitat unterstreicht, dass Freundlichkeit eine Sprache ist, die alle verstehen. Doch: Alle verstehen die Sprache der Freundlichkeit und trotzdem bekommt man – als Kunde, Gast oder auch einfach als Teil unserer Gesellschaft – hin und wieder den Eindruck, dass einige Zeitgenossen in der Sprache der Freundlichkeit nicht wirklich sprachgewandt sind. Der Schluss liegt nahe, dass zwischen Verstehfähigkeit und Ausdrucksfähigkeit ein Loch klafft.

Da dreiviertel von uns in irgendeiner Form im Dienstleistungssektor arbeiten und wir alle unabhängig vom Job mit anderen Menschen zu tun haben, können wir möglicherweise auch eine Herzlichkeitsschulung brauchen. Was haben wir also den Mitarbeitenden im Skigebiet mitgegeben? Wieder einmal bot sich unsere Luege, Lose, Loufe-Strategie an.

Luege – Ich nehme den Mitmenschen wahr

Der erste Schritt der Strategie ist so simpel, dass es schon fast peinlich ist, es erwähnen zu müssen: „Häreluege“ (Hinschauen) und wahrnehmen, dass da ein Kunde ist.
Es ist doch das Normalste, dass ich als Kunde davon ausgehen darf, dass ich im Restaurant vom Servicepersonal gesehen werde. Doch wie oft passiert es uns im Alltag, dass wir uns fast entschuldigen müssen, wenn wir etwas bestellen wollen?

  • Egal wo: Als Kunde ist mein erster Wunsch: Ich möchte wahrgenommen werden!

Und natürlich spielt genau dies auch eine wichtige Rolle in unserem alltäglichen zwischenmenschlichen Umgang: Wenn wir unseren „iDings“ mehr Aufmerksamkeit schenken als unserem realen Gegenüber, sollten wir dringend mit diesem ersten Schritt beginnen, aufschauen und feststellen: Ah, da gibt es ja noch echte Menschen – im Zug, in der Fussgängerzone, im Wohnquartier…

Lose – Ich nehme das Anliegen ernst

Hier geht es um die Analyse: Was sind die Bedürfnisse des Gastes? Im zwischenmenschlichen Umgang und in Freundschaften sprechen wir kaum von Analyse, doch das Prinzip gilt auch hier.

  • Mein zweiter Wunsch ist nämlich: Ich will gehört werden. Ich wünsche mir, dass mein Anliegen ernstgenommen wird.

Dabei müssen wir unser Gehör schulen. Richtig zuhören ist eine Kunst!

Loufe – Ich stellen den Kunden zufrieden

Jetzt ist unser lösungsorientiertes Handeln gefragt.

  • Mein dritter Wunsch ist schliesslich, dass ich als Kunde zufriedengestellt werde.

Auch wenn wir Freunde ganz bestimmt nicht als Kunden behandeln sollten, gelten auch da dieselben Prinzipien: Den Menschen wahrnehmen, seine Anliegen ernstnehmen und Engagement zeigen.

Doch eigentlich beginnt die „Luege, Lose, Loufe“-Strategie ganz an einem anderen Punkt. Darüber nächste Woche in meinem Blog.

 

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Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Gesellschaft“.

Haben Sie Freunde?

Zwei Freunde müssen sich im Herzen ähneln,
in allem anderen können sie grundverschieden sein.

Sully Prudhomme

Haben Sie Freunde? – Was für eine Frage. Wir sind doch alle ständig umgeben von anderen Menschen, bestimmt haben wir da doch auch den einen oder anderen Freund. Hm, wirklich?

Mit etwa 20 Jahren hatte ich ein spezielles „Einsamkeitserlebnis“. Ich wollte mit einem Freund einen Skitag verbringen. Doch dieser „Freund“ war nicht da. Ich hatte keinen solchen Freund, der mich hätte begleiten können. Also fuhr ich alleine ins Wallis und verbrachte einen doch eher einsamen Tag auf den Skipisten (wenigstens konnte ich mein eigenes Tempo fahren und verbrachte die Zeit auf der Piste nicht mit warten – aber das war irgendwie ein schwacher Trost).

Es ist nicht so, dass ich damals niemand kannte, der gerne Ski fährt. Im Gegenteil: Ich hatte in dieser Phase meines Lebens mit vielen Menschen zu tun, gründete verschiedene Vereine, organisierte Camps und Events, sprach an der 1.-August-Feier in meinem Dorf, schloss meine Banklehre erfolgreich ab…

Was ich sagen will: In diesem Jahr war ich sehr beschäftigt und hatte auch zig „Kollegen“. Aber das Pflegen von Freundschaften blieb auf der Strecke. Ich hatte viel für und mit anderen Menschen getan, aber es blieb kaum mehr Zeit, ein Freund zu sein.

Facebook-Freunde sind zu wenig

Manchmal wünschte ich mir eine „Gang“, mit der ich um die Häuser ziehen könnte. Bei anderen konnte ich solche Freundschaften beobachten: Da war einfach klar, dass man Weekend für Weekend etwas gemeinsam unternehmen würde. Das hatte ich nie. Eine solch zeitintensive Freundschaft passte damals nicht zu meinem Lebensentwurf und würde heute, mit Familie, erst recht nicht passen.

Die Intensität einer Freundschaft hängt jedoch nicht davon ab, wie viel Zeit man miteinander verbringt. Ich kann jederzeit mit anderen im virtuellen oder realen Raum rumhängen und doch keine intensive Beziehung pflegen. Viele Kollegen (oder Facebook-Freunde) zu haben, heisst noch lange nicht, dass man auch einen wahren Freund hat. Einer, der nicht nur die Zeit mit einem verbringt, sondern auch das Leben (oder in Anspielung auf das eingangs erwähnte Zitat: das Herz) mit einem teilt.

Auch heute wünschte ich mir, eher mehr als weniger Zeit für die Freundschaftspflege zu haben. Zum Glück leben meine paar wertvollen Freundschaften nicht davon, wie häufig wir uns sehen. Zu spüren, dass wir, trotz eher wenig Berührungspunkten im täglichen Leben, einander wichtig sind, uns für einander interessieren, uns unterstützen, ermutigen und uns auch mal getrauen, eine kritische Frage zu stellen, bedeutet mir viel.

Wenn Sie einen Skitag einlegen wollten, wen würden Sie mitnehmen? Und würden Sie sich auf dem Sessellift auch Persönliches (aus der Herzgegend) anvertrauen?

Anders gefragt: Haben Sie Freunde?

 

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  • Ein erfülltes Leben in Balance ist kein Zufallsprodukt. Um das Leben aktiv zu gestalten, müssen die Weichen entsprechend gestellt werden.
    Haben Sie schon definiert, was in Ihrem Leben welche Priorität haben soll? Wir unterstützen Sie gerne in diesem Prozess: Unsere Coachingangebote
  • Ältere Blogartikel zum Thema Freundschaft: Allein geh ich ein und Freunde tun gut
  • Sie sagen, mir fehlt die Zeit für Freundschaften? Wie wärs mit unserem Motivationstag Mehr Zeit?
  • Angebot für Freundinnen: Besuchen Sie gemeinsam unser Timeout-Weekend für Frauen.

 

Mein Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.

Eine wen iig – dr Dällebach Kari

Viele Menschen sind nur deshalb einsam, weil sie Dämme bauen statt Brücken.  Maurice Chevalier (1888-1972)

Gestern abend sass ich in der Premiére des neuen Kinofilms des Oskarpreisträgers Xavier Koller. Eine wen iig, dr Dällebach Kari ist ein sehr schöner und berührender Film. Da meine Tochter und ich als Statisten dieses Filmes mitwirken durften, war der gestrige Kinobesuch natürlich sehr speziell: Erwartungsvoll lehnten wir uns im Sessel zurück, nur um jedesmal schier aufzuspringen, wenn einer von uns für einen Sekundenbruchteil im Bild zu sehen war…

Die Geschichte berührt: Ein Mensch, der aufgrund einer Missbildung mit sich und dem Leben hadert. Eine Liebe, die ums Überleben kämpft, weil es sie in dieser Form gar nicht geben dürfte. Ein Kampf zwischen Hoffnung, Minderwertigkeit und Mutlosigkeit.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=1WQpdH00Aqo[/youtube]

Der lohnenswerte Kinobesuch ist eine Zeitreise in die Stadt Bern vor ungefähr 100 Jahren. Zurück im Jetzt begegnen uns jedoch überall Menschen, die genauso wie Kari mit Einsamkeit zu kämpfen haben. Der Kampf zwischen Hoffnung, Minderwertigkeit und Mutlosigkeit scheint mir in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Ob wir uns, wie Kari, durch eine Missbildung, weil uns „Du reichst nicht!“ eingetrichtert wurde oder aufgrund unserer Begrenztheit minderwertig fühlen, spielt keine grosse Rolle. Tatsache ist: Selbst Menschen, die äusserlich alles haben und im Gegensatz zu Kari von der Gesellschaft hochgejubelt werden, haben in ihrem Innersten nicht selten mit Minderwertigkeit zu kämpfen. Und dieses Gefühl, nicht zu genügen, führt uns in die eine oder andere Form der Isolation, in die Einsamkeit.

Welche Antwort haben wir auf die Not der Einsamkeit in unserer Gesellschaft? Es muss mehr geben als Facebook und 24h Unterhaltungsangebote. Mehr als das beliebte „Sich-im-besten-Licht-Präsentieren“ in der Gemeinschaft, sozialen Netzwerken oder Talent-Shows. Das erlebt auch der Kari Dällebach im Kinofilm: Auch nach einer Operation seiner Lippen-Gaumen-Spalte kämpfte der „innere Mensch“ immer noch mit Minderwertigkeit. Vielleicht bewirkt das „Polieren unserer Fassade“ sogar das Gegenteil vom Gewünschten: Wer will schon einen „Hochglanz-Menschen“ zum Freund?

Die Dämme, die wir bauen (Zitat von oben: Viele Menschen sind nur deshalb einsam, weil sie Dämme bauen statt Brücken. Maurice Chevalier.), sehen ganz unterschiedlich aus: Der bewusste Rückzug in die Einsamkeit und das Meiden von Gemeinschaft mit anderen, gehören genauso dazu wie die unechte Imagepflege (etwas vorgeben, das gar nicht ist) oder das übertriebene Brüsten mit Erfolgen und Status.

Und wie könnten wir statt Dämme Brücken bauen? Einige Ideen zum Weiterdenken:

  • Kari schaffte es dort, das Herz von Annemarie zu gewinnen, als er selbstbewusst, aber ohne etwas vorzuspielen, auftrat. Was kann das für uns heissen?
  • Jeder Mensch hat Fehler – wenn wir uns diese gegenseitig zugestehen, beginnen wir Brückenbauer zu sein.
  • Der Rückzug ins Schneckenhaus macht die Minderwertigkeit und Einsamkeit unerträglich. Wir müssen allen nötigen Mut aufbringen und die Gemeinschaft mit anderen Menschen suchen.
  • Ich erlebe oft, dass gerade das Reden von eigenen Schwächen, Zweifel und Schwierigkeiten einen viel tieferen Zugang zu anderen Menschen schafft, als das (vorgespielte) Schönwetter-Palavre.
  • Als Kari bei den Schwiegereltern in spe scheiterte, wird er von seinen Minderwertigkeitsgefühlen überwältigt. Wer sich öffnet, erlebt auch Rückschläge. Doch selbst dann dürfen wir nicht aufhören, Brücken zu bauen, damit wir nicht in trostloser Einsamkeit landen.

In gewissen Lebensumständen und -situationen ist die Gefahr der Vereinsamung besonders gross. Wie können wir Menschen begegnen, die in solchen Situationen stecken? Sind wir auch bereit Brücken zu den Menschen zu bauen, die sich hinter ihren Dämmen verschanzt haben?

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.