Eine wen iig – dr Dällebach Kari

Viele Menschen sind nur deshalb einsam, weil sie Dämme bauen statt Brücken.  Maurice Chevalier (1888-1972)

Gestern abend sass ich in der Premiére des neuen Kinofilms des Oskarpreisträgers Xavier Koller. Eine wen iig, dr Dällebach Kari ist ein sehr schöner und berührender Film. Da meine Tochter und ich als Statisten dieses Filmes mitwirken durften, war der gestrige Kinobesuch natürlich sehr speziell: Erwartungsvoll lehnten wir uns im Sessel zurück, nur um jedesmal schier aufzuspringen, wenn einer von uns für einen Sekundenbruchteil im Bild zu sehen war…

Die Geschichte berührt: Ein Mensch, der aufgrund einer Missbildung mit sich und dem Leben hadert. Eine Liebe, die ums Überleben kämpft, weil es sie in dieser Form gar nicht geben dürfte. Ein Kampf zwischen Hoffnung, Minderwertigkeit und Mutlosigkeit.

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Der lohnenswerte Kinobesuch ist eine Zeitreise in die Stadt Bern vor ungefähr 100 Jahren. Zurück im Jetzt begegnen uns jedoch überall Menschen, die genauso wie Kari mit Einsamkeit zu kämpfen haben. Der Kampf zwischen Hoffnung, Minderwertigkeit und Mutlosigkeit scheint mir in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Ob wir uns, wie Kari, durch eine Missbildung, weil uns „Du reichst nicht!“ eingetrichtert wurde oder aufgrund unserer Begrenztheit minderwertig fühlen, spielt keine grosse Rolle. Tatsache ist: Selbst Menschen, die äusserlich alles haben und im Gegensatz zu Kari von der Gesellschaft hochgejubelt werden, haben in ihrem Innersten nicht selten mit Minderwertigkeit zu kämpfen. Und dieses Gefühl, nicht zu genügen, führt uns in die eine oder andere Form der Isolation, in die Einsamkeit.

Welche Antwort haben wir auf die Not der Einsamkeit in unserer Gesellschaft? Es muss mehr geben als Facebook und 24h Unterhaltungsangebote. Mehr als das beliebte „Sich-im-besten-Licht-Präsentieren“ in der Gemeinschaft, sozialen Netzwerken oder Talent-Shows. Das erlebt auch der Kari Dällebach im Kinofilm: Auch nach einer Operation seiner Lippen-Gaumen-Spalte kämpfte der „innere Mensch“ immer noch mit Minderwertigkeit. Vielleicht bewirkt das „Polieren unserer Fassade“ sogar das Gegenteil vom Gewünschten: Wer will schon einen „Hochglanz-Menschen“ zum Freund?

Die Dämme, die wir bauen (Zitat von oben: Viele Menschen sind nur deshalb einsam, weil sie Dämme bauen statt Brücken. Maurice Chevalier.), sehen ganz unterschiedlich aus: Der bewusste Rückzug in die Einsamkeit und das Meiden von Gemeinschaft mit anderen, gehören genauso dazu wie die unechte Imagepflege (etwas vorgeben, das gar nicht ist) oder das übertriebene Brüsten mit Erfolgen und Status.

Und wie könnten wir statt Dämme Brücken bauen? Einige Ideen zum Weiterdenken:

  • Kari schaffte es dort, das Herz von Annemarie zu gewinnen, als er selbstbewusst, aber ohne etwas vorzuspielen, auftrat. Was kann das für uns heissen?
  • Jeder Mensch hat Fehler – wenn wir uns diese gegenseitig zugestehen, beginnen wir Brückenbauer zu sein.
  • Der Rückzug ins Schneckenhaus macht die Minderwertigkeit und Einsamkeit unerträglich. Wir müssen allen nötigen Mut aufbringen und die Gemeinschaft mit anderen Menschen suchen.
  • Ich erlebe oft, dass gerade das Reden von eigenen Schwächen, Zweifel und Schwierigkeiten einen viel tieferen Zugang zu anderen Menschen schafft, als das (vorgespielte) Schönwetter-Palavre.
  • Als Kari bei den Schwiegereltern in spe scheiterte, wird er von seinen Minderwertigkeitsgefühlen überwältigt. Wer sich öffnet, erlebt auch Rückschläge. Doch selbst dann dürfen wir nicht aufhören, Brücken zu bauen, damit wir nicht in trostloser Einsamkeit landen.

In gewissen Lebensumständen und -situationen ist die Gefahr der Vereinsamung besonders gross. Wie können wir Menschen begegnen, die in solchen Situationen stecken? Sind wir auch bereit Brücken zu den Menschen zu bauen, die sich hinter ihren Dämmen verschanzt haben?

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den LebensbereichGesellschaft“.

Das Leben als Film

Diesen Sommer hatte ich die Möglichkeit, als Statist bei den Dreharbeiten für den Kinofilm „Eine wen iig… – dr Dällebach Kari“ dabei zu sein. Für mich war dieser nahe Blick hinter die Kulissen einer solch aufwendigen Produktion neu. Da mich grosse Projekte grundsätzlich faszinieren, war ich von diesem Treiben am und ums Set beeindruckt: Ein sympathischer Oscarpreisträger in Flipflops (Regisseur Xavier Koller), der ruhig seine Anweisungen gibt, sich nicht zu schade ist, selbst anzupacken, und schon mal eine Runde mit den Kindern rennt.


Eindrücklich auch der logistische Aufwand: Schon nur fürs Catering waren mehrere Lieferwagen unterwegs. Für paar Sekunden Regen im Film war die Feuerwehr gut 10 Stunden vor Ort. Ganze Strassenzüge wurden umgestaltet und Gebäude sogar neu gebaut. Schon nur für eine kleine Szene waren rund 50 Crewmitglieder am Set. Und jeder hatte seine klare Aufgabe. Alle arbeiteten einander in die Hand. Trotz stundenlanger Arbeit, oft auch in der Nacht, war die Stimmung ruhig und angenehm.
Als kleiner Teil eines riesigen Projektes bin ich nun natürlich gespannt auf das Resultat, welches gegen Ende Jahr im Kino zu sehen sein wird. Doch als Life-Balance Coach und Seminarleiter interessiert mich der Mensch hinter der Kamera noch mehr als das Kunstwerk auf der Leinwand. Was bleibt, wenn die Kamera abgeschalten ist?
Während den Drehpausen waren immer wieder die Garderoben- und Maskenleute gekommen und warfen einen kritischen Blick auf Kleidung und Frisur. Und die Techniker sorgten dafür, dass wir im richtigen Licht standen. Doch wie ist das im richtigen Leben? Da gehören Falten, Fehler und Schatten dazu.
Natürlich können wir vom Film auch für unser Leben lernen! Ein guter Film zeichnet sich dadurch aus, dass er folgende zwei Dinge enthält:
  1. Die Figuren: Starke, markante Charakteren
  2. Die Geschichte: Spannende, zielgerichtete Story

Fürs „richtige Leben“ ergeben sich für uns daraus zwei Fragen:

  • Bin ich ein „starker Charakter“, eine markante Person mit klaren Konturen und Facetten?
  • Und: Ist meine persönliche Story spannend und zielgerichtet?

    Scheue ich mich nicht vor den Konflikten des Lebens und gehe ich trotz Hindernissen konsequent auf mein Ziel zu?
Dällebach Kari war mit Sicherheit ein starker Charakter. Seine Story ist auf jeden Fall spannend und liefert daher guten Stoff für einen Kinofilm.
Wie steht es mit meinem Leben? Welcher Filmtitel würde zu meinem Leben passen? Und lohnt es sich, diesen Film anzusehen?