Die Stürme des Vaterseins

Wir Eltern sind ja manchmal ganz schön irrational, wenn es um unsere Kinder geht. Das beobachte ich durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Ich denke zum Beispiel an eine Kinderärztin, die sich gewohnt ist, im Notfall rasch und rational zu agieren. Und das tut sie auch. Normalerweise. Wenn es nämlich um ihre eigenen Töchter geht, ist diese intelligente Frau plötzlich wie verwandelt: Sie ist zutiefst unsicher und beängstigend hilflos.

Dieses Phänomen lässt sich auch bestens an der Schule erkennen: Da spielt es keine Rolle mehr, ob jemand Verkäufer, Familienfrau, Psychiater oder Serviceangestellte ist. Wenn es um die eigenen Kinder geht, sinkt die Fähigkeit zur Selbstreflexion in den Keller und es wird mit fragwürdigen Mitteln für jeden erdenklichen Vorteil des eigenen Nachwuchses gekämpft.

Natürlich kenne ich als Vater solche Situationen auch. Da wird mein Sohn zu Recht oder zu Unrecht angegriffen und es ist, als würde jemand in mir den „Turbo Booster“ drücken. Innert Sekunden fühlt es sich an, als würde ich zum wilden Tier mutieren. In einem solchen Moment hat ein Hauswart einmal all meine Aggressionen verbal zu spüren bekommen. Dieser stand ganz erschrocken neben mir, weil er mich noch nie derart in Rage erlebt hatte.

Ein anderes Mal sass ich in unserem Garten, während mein Sohn mit einem Freund auf dem Gemeinschaftsrasen Fussball spielte. Wenn kleine Jungs leidenschaftlich spielen, gibt es natürlich auch entsprechende Nebengeräusche – aber es ist ja Mittwochnachmittag und aus Sicht des Vaters liegt der Lärm im normalen Toleranzbereich. Der Nachbar auf dem Balkon des 2. Stockwerks sah dies anders, brüstete sich auf und schrie meinen Sohn an mit Worten, die wir hier lieber nicht wiedergeben wollen.

Inzwischen sass ich natürlich auch nicht mehr ruhig in meinem Garten und wies meinen Nachbarn „in aller Liebe“ darauf hin, dass die Kinder doch am Mittwochnachmittag hier spielen dürften.

Spannend finde ich, was es in uns als Väter (und Mütter) auslöst, wenn unser Kind schlecht behandelt oder kritisiert wird. Wahrscheinlich ist ja diese Reaktion genauso „von der Natur“ gedacht, damit wir unsere Kinder bei einem Angriff mit aller Kraft verteidigen.

Nur leben wir aber inzwischen nicht mehr in der freien Natur und ich musste meine Kinder bis jetzt noch nie vor einem Raubtier beschützen. Und da frage ich mich, wie ich mit diesen teils sehr irrationalen Gedanken und Gefühle konstruktiv umgehen kann. Ich will ja eigentlich nicht zum Tier mutieren, wenn ich den Eindruck habe, meine Tochter wird von ihren Lehrpersonen ungerecht behandelt.

Ich habe die Lösung noch nicht (abschliessend) gefunden und ich vermute, dass der „Turbo Booster“ Teil meines Vaterseins bleibt – mindestens bis unsere Kinder volljährig sind. Was ich aber schon herausgefunden habe: Wenn ich zu lange kein persönliches Timeout habe, werde ich viel schneller reizbar und stehe in Gefahr zur Überreaktion.

Mein persönliches Timeout, meine wöchentliche Tankstelle, hilft mir Stress abzubauen und die Alltagsprobleme mit etwas Distanz aus einer anderen Perspektive zu sehen. Es sind meine 2-3 Stunden, in denen ich Stille geniesse, mir Zeit fürs Lesen, Beten und Tagebuchschreiben gönne. Dieses Timeout hält mich – in der Regel – auch in stürmischen Zeiten über Wasser.

Glücksaufgabe

Diese Timeouts und Tankstellen sind ja oft umkämpft und stehen in Konkurrenz mit all den Aktivitäten, die wir am Laufen zu halten haben. Trotzdem: Wo kannst du dich – auch wenn es nur für paar Minuten ist – regelmässig aus der Alltagshektik herausnehmen, um die innere Balance nicht zu verlieren?

 

Diesen Artikel erschien zuerst im Magazin Family, wo ich in der Rubrik Tankstelle regelmässig über meine „Vatergefühle“ schreibe.  

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