Zeigen Sie Schwäche

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Jesus Christus in der Bibel, 2. Korinther 12,9

Noch klingt uns das Wort des Jahres 2011 in den Ohren: „Stresstest“ wurde in Deutschland zum Schlagwort des Jahres gewählt. Die Wörter, Unwörter oder Sätze des Jahres sind immer ein Rückblick auf die vergangenen Monate. Im Gegensatz dazu bieten uns kirchliche Kreise immer im voraus ein Wort zum Jahr. Ein Spruch aus der Bibel, der ermutigen, zum Nachdenken anregen und herausfordern soll.

In diesen Tagen gibt es jedoch eine auffällige Verbindung zwischen dem Wort des (letzten) Jahres und dem Bibelspruch des Jahres. Während in Deutschland der Bundespräsident Christian Wulff einem Stresstest unterzogen wird, muss sich in der Schweiz der Präsident der Nationalbank, Philipp Hildebrand, öffentlich zu seinen privaten Bankgeschäften äussern. Dürfen solche mächtigen Personen des öffentlichen Lebens Schwächen haben und diese auch zeigen?

Bei solchen angeblichen Skandalen tritt jeweils ein interssantes Phänomen zutage: Die Massenmedien, die ja bekannterweise nicht immer durch ihre Integrität glänzen, spielen sich zu den Hüter von Moral und Wahrheit auf. Da stehen dann plötzlich Persönlichkeiten am Pranger, die vorher durchaus als glaubwürdig und anständig wahrgenommen wurden.

In Deutschland hat sich inzwischen auch Hape Kerkeling zu Wort gemeldet und schliesst seinen Kommentar mit den Worten: „Herr Präsident, bleiben Sie im Amt und vor allem bleiben Sie Mensch!“ Denn, auch ein Präsident kann nicht unfehlbar sein.

Der Bibelspruch des Jahres verspricht den beiden Männern – und damit uns allen -, dass sogar eine Kraft darin liegt, wenn wir Schwäche zeigen. Es ist Jesus, der uns das zusagt. Er selbst will unsere Kraft sein, wenn wir schwach sind. Das ist nicht „Schwachsinn“ – es ist die Zusage der Bibel, meine tiefe Glaubensüberzeugung und die Erfahrung von tausenden Menschen aller Zeiten und aller Orten.

Auch der stärkste Mensch, das lehren uns diese Tage, braucht einen Ort, wo er schwach sein kann. Und dieser Ort sollte nicht zuerst die Massenmedien sein (auch wenn uns die Kommunikationslehre zu recht sagt, dass Intransparenz und Salamitaktik nicht gut ankommen). Wir sollen auch in der Öffentlichkeit Schwäche zeigen und zu unseren Fehlern stehen; die Kraft liegt aber darin, wenn wir zuerst im Rückzug in die Stille unser Sein und Tun reflektieren und vor Gott unser Schwachsein offen legen.

Wer in Stille, Meditation und im Gespräch mit dem Schöpfer über sein moralisches, rechtliches oder verborgenes Fehlverhalten nachdenken kann, wird innerlich gestärkt in die Öffentlichkeit zurückkehren. Wer inneren Frieden geschenkt bekommt, kann sich nun auch für äusserlichen Frieden stark machen. Was von Fall zu Fall etwas anderes heissen kann: Eine Entschuldigung von Mensch zu Mensch, ein „sich Stellen“ der Justiz, ein öffentliches Bekennen…

Jeder von uns stolpert von Zeit zu Zeit über seine Schwächen. Darum sind mir auch Personen des öffentlichen Lebens lieber, die Schwächen zeigen und uns (auch) im Umgang mit ihren Fehlern Vorbild sind. Ich glaube sogar, dass wir am meisten von diesen Führungspersonen lernen können, wenn sie uns daran teilhaben lassen, wie sie mit den Herausforderungen des Lebens umgehen. Hochglanz Promis, egal ob sie nun aus Gesellschaft, Politik, Sport oder Kirche kommen, die immer alles im Griff haben, schrecken mich ab.

Darum: Zeigen Sie Schwäche! Sie werden bei Ihren Mitmenschen mehr punkten, als wenn Sie so tun, als würden Sie immer alles richtig machen. Und vergessen Sie nicht: Es gibt einen über uns, der uns genau in unserer Schwachheit Stärke sein möchte.

 

Mein  Blogbeitrag dieser Woche dreht sich um den Lebensbereich “Spiritualität“.

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