Spätestens seit Rob Bells «U2-Moment» wissen wir, dass prägende Gotteserfahrungen auch an Rock-/Popkonzerten geschehen. Der amerikanische Autor erzählt in seinem Buch Jesus unplugged von genau einem solchen heiligen Moment während eines Konzertes von Bono und seiner Band U2.
Rob Bell, dessen Predigten vor 20 Jahren für mich zu heiligen Momenten wurden, will mit diesem Beispiel seine Überzeugung unterstreichen: Glaube ist mehr als eine Theorie. Es geht um eine konkrete, existentielle Erfahrung.
Und genau diese Transzendenz, Weite oder spiritueller Intensität ist eben nicht nur in einem «frommen» oder kirchlichen Setting erlebbar.
Als junger Pfarrer war ich fasziniert von Rob Bell, seiner intellektuellen und doch so anschaulichen Art. Gleichzeitig hat er meinen Denkrahmen gesprengt, hat mich ins Grübeln gebracht und mir befreiende Weite und kunstvolle Schönheit des Evangeliums aufgezeigt.
Bis heute beschäftigt mich die Frage, wann, wo und wie wir Menschen transzendente Erfahrungen machen. Wie entstehen heilige Momente, wo passieren prägende Gotteserfahrungen.
Während ich mit Rob Bell schon als junger Erwachsener übereinstimmte, dass es dafür keine Kirche (im Sinne von einem sakralen Gebäude, jedoch auch im Sinne von einer religiösen Gemeinschaft) braucht, frage ich mich heute zunehmend kritisch, wie denn auch in der Kirche solche heiligen Momente entstehen.
Religiöse Erfahrungen sind subjektiv
Leider geschieht hier viel Ungutes. An einem Netzwerktreffen, an dem wir kürzlich auf dem Bienenberg über christliche Musik (Worship) nachdachten, notierte ich mir folgende Leitfrage: Ermöglichen wir mit Elementen wie Worship, Musik, Deko. und überhaupt mit der gesamten (Programm)Gestaltung etwas (ermöglichen einen Zugang) – oder produzieren wir etwas (Manipulation)?
Es ist ein schmaler Grat. Dies zeigte sich auch an einem Experiment an besagtem Treffen, als wir einen Worshipsong sezierten und darüber austauschten, welche Gefühle in dieser «Performance» bewusst aufgebaut wurden.
«Dass religiöses Erleben sehr ambivalent ist, zeigt auch die Tatsache, dass sich erhabene Gefühle durchaus provozieren lassen. Entgrenzende Raumerfahrungen in einer gotischen Kathedrale, der Duft von Weihrauch, brausende Orgeltöne und mitreissender Chorgesang, bunte Gewänder und sorgsam choreografierte Aufmärsche oder gefühlvolle Anbetungslieder, eine grosse Zahl von Menschen, die mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen stehen und hingebungsvoll singen – all das kann ekstatische Emotionen hervorrufen.»
So schreibt es Tilmann Haberer in Kirche am Ende und zeigt damit: Religiöse Manipulation ist keine Stilfrage, es kann überall geschehen. Und dies zeigt uns, welche Verantwortung Menschen tragen, die für die Gestaltung religiöser Veranstaltungen zuständig sind – egal ob modern oder traditionell.
Raum schaffen für Gotteserfahrungen und heilige Momente, diese jedoch nie erzwingen. Weil das gar nicht geht: Weder lässt sich Gott per Dekret vor den eigenen Karren spannen, noch lässt sich den Menschen befehlen, was sie jetzt zu fühlen hätten. Diese religiösen Erfahrungen seien, «sehr subjektiv und nicht jedem Menschen in jeder Situation in gleicher Weise zugänglich» schreibt Haberer.

Zurück zu Rob Bells «U2-Moment»: Für mich war es ein «Michael P. Kelly-Moment». Kürzlich durfte ich Teil seines Konzerts im Hallenstadion sein. Es war schlichtweg fantastisch, ein ganz grosser Künstler, der gleichzeitig keinen Moment abgehoben wirkt.
Was musikalisch geboten wurde – top.
Und dann diese Dramaturgie: Da versuchte ein ganzes Stadion mit einem rockigen Song (America) die Vereinigten Staaten an ihre Träume zu erinnern («Wach auf für all deine Hoffnungen und Träume! Amerika, Amerika, steh auf, für das, woran du glaubst!»), mit der PeaceBell, einem Kunstprojekt, bei dem Kriegsschrott (Granathülsen, Panzerteile) in eine Friedensglocke umgeschmiedet wurde, läutete Michael Kelly eine Gedenkminute ein, dann gab’s wieder fröhliche Party, sehr persönlich erzählte er von der Wichtigkeit der Vergebung, berührend der a-cappella vorgetragene Hoffnungssong und am Ende sang das ganze Stadion «holy» und trug so den Friedensklang eines lustvoll-tiefgründig-fröhlich-besinnlichen Abend mit dem letzten Ton (mit «Jesus» als Versschluss) weiter.
Wäre da nicht zwischendurch der Glace Verkäufer seine Ware feilbietend durch die Ränge gelaufen, hätte ich mich schier in einem Gottesdienst gefühlt.
Nein, nicht nur «schier». Es war wirklich eine gottesdienstliche Erfahrung, wie ich sie liebe und gerne öfters hätte: einladend, ohne aufdringlich zu wirken, qualitativ hochstehend, ohne abgehoben zu sein, voll göttlicher Liebe, Frieden, Freude und Hoffnung, ohne plump zu wirken.
Ja, das war ein besonders heiliger Moment für mich.
Glücksaufgabe
Wo erlebst du Transzendenz? Was zeichnet für dich einen heiligen Moment aus? Wann bist du für Gotteserfahrungen besonders empfänglich?
Wir können Raum dafür schaffen, dass sich heilige Momente mitten im Alltag ereignen. Produzieren auf Knopfdruck können wir sie nicht – zum Glück.












